Nicht systemrelevant

10. April 2020

In diesen Wochen der Coronapandemie feiern wir Kapuziner die Gottesdienste im Kreis der Gemeinschaft. In der Eucharistiefeier am Palmsonntag predigte Bruder Jens den Brüdern im Konvent in Frankfurt. Die Predigt hat bewegt. Hier gibt es sie jetzt zum Nachlesen:

 

Liebe Brüder, das Schwerste ist, sich einzugestehen, dass man nichts machen kann. Ich sage damit nicht, dass es unnütz ist, was wir tun: Beichte hören, Gottesdienst feiern, in der Gemein­schaft leben, im Franziskustreff arbeiten. Aber ich merke in letzter Zeit deutlicher meine Grenzen, als z. B. im Januar. Ich merke jetzt sehr deutlich, dass die Kirche in Deutschland schwach ist. Und dass ich schwach bin. Der DM gegenüber darf öffnen. Gottesdienste dürfen nicht stattfinden, obwohl wir viel mehr Platz in der Kirche hätten. Der DM ist sys­temrelevant. Der Gottesdienst nicht. Und natürlich ist es nicht verboten, Gottesdienste im Internet zu übertragen, auch wenn es alles unprofessionell ist. Und wir können eine Kerze um 19.30 Uhr anzünden und ein Vaterunser beten. Aber: Es wird sich höchstwahrschein­lich nichts an unserer Situation ändern. Es werden sich immer noch mehr Menschen infi­zieren und es werden Menschen sterben. Das Schwerste ist, sich einzugestehen, dass ich nichts machen kann, dass ich schwach bin. Es hat mich so viel Kraft in den letzten Tagen gekostet zu sehen, dass in dieser Krisenzeit die Kirchen eben nicht eine Sondererlaubnis für die Ostergottesdienste bekommen haben: Der DM ist systemrelevant. Kirche nicht.

Das, liebe Brüder, ist keine schwarze, schwache Theologie oder Weltsicht. Es ist der Weg des Christus. Dreimal haben wir ihn heute gehört: in der Jesaja-Lesung, in der langen Pas­sionser­zählung. Und im Philipperhymnus. Es ist einer meiner Lieblingstexte und ich bin dankbar, dass wir ihn jeden Samstagabend gemeinsam beten. In ihm sehen wir den Weg Christi deutlich: In seinem Menschsein und in seiner Schwachheit liegt der Weg der Erlö­sung. Christus verzichtet auf seine Machtmittel. Sein Weg war der eines schwachen Menschen und endete am Kreuz. Christus stellt sein Gott-gleich-Sein zur Verfügung, hält es nicht wie einen Raub zurück, aus freier Entscheidung. Und nicht nur seine göttliche Macht, auch auf seine menschliche Macht verzichtet er. Er rennt nicht davon, er befiehlt Petrus das Schwert wegzustecken, er ruft keine Engelchöre zur Verteidigung. Ein ent­scheidendes Detail liegt jedoch darin, dass Jesus dieses Schicksal bewusst annimmt und es für ihn nicht dumpfes Fatum ist. Jesus ordnet sich zwar den Menschen unter, blickt dabei aber auf den Vater. Er kennt Jesu Würde, die selbst am Kreuz nicht ver­schwindet. In der Unterordnung, im Kleinwerden und Schwachsein bewahrt Jesus seine Würde. In die­sem Weg der Niedrigkeit, bei dem die Würde nicht verloren geht, ist das entscheidende Heilsereignis ausgesprochen: Wegen sei­ner Erniedrigung, weil er nichts für sich selbst zurückhält, aber am Vater festhält, darum wird er vom Vater erhöht. Nicht als Belohnung, sondern als Bestätigung. „So ist es richtig!“

Paulus lässt dem Hymnus einen kleinen, entscheidenden Satz vorausgehen, den die Le­sung leider unterschlägt. Dieser Satz ist aber die Lesebrille für die folgenden Verse. Er lautet: „Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht.“ Paulus fordert die Christen in Philippi und dann auch die, die sich auf ihn berufen, dazu auf, Christi Leben nicht nur zu besingen, sondern es neu umzusetzen. Die Heilserfahrung hat Konsequenzen. Das Leben Jesu, das ich betrachte, soll sich in mir wieder neu formen. Und sein Leben bestand darin, klein zu sein. Von anderen als irrelevant angesehen zu wer­den, allein zu sterben, dieses Leben an­nehmen, weil der Blick auf den Vater niemals untergehen wird und untergehen darf. Das ist in der Erhöhung, in der Auferstehung, die wir heute bereits feiern und nicht erst nächste Woche, bestätigt worden. Paulus schreibt: „Seid untereinander so gesinnt wie es dem Leben IN Christus entspricht.“ Das bedeutet nicht, dass wir wie Jesus kopieren sollen, sondern in ihm sein sollen. Die Christusbezie­hung, die wir führen, ist der Anfangspunkt für unser Leben und Handeln.

Diese Nachahmung zeigt sich für mich darin, einzusehen, dass ich schwach bin. Zu ak­zeptieren, dass ich schwach und irrelevant bin, das ist der Weg des Christus, der ans Kreuz führt. Gerade in dieser Dunkelheit, in der Situation, dass nichts mehr von Belang ist, in der Einsamkeit zeigt sich, wie es um meinen Gehorsam bestellt ist. Dort zeigen sich mein Glaube und mein Ver­trauen. Habe ich die Kraft zu glauben, auch wenn Gott schweigt? Habe ich die Kraft zu hoffen, wenn sich augenscheinlich nichts ändert? Habe ich die Kraft zu beten, auch wenn alles scheinbar sinnlos bleibt? Diese Fragen stellt mir Paulus, wenn er den Philipperhymnus in den Brief aufnimmt. Und er stellt mir die Frage nach meiner eigenen Christusbeziehung: je mehr ich an die Relevanz Gottes denke, umso sinnerfüllter kann ich irrelevant und trotzdem hoffnungsvoll sein. Liebe Brüder, ich wünsche uns Kraft, nicht nur die äußere Situation zu bestehen. Das sieht ja im Moment bei uns gar nicht schlecht aus. Ich wünsche uns auch Kraft, dass wir den Weg des Christus, wie ihn Paulus, Jesaja und die Passion aufzeichnen, gehen können, zur Ehre Gottes des Vaters.

Bruder Jens Kusenberg