Kar- und Ostertage in ganz neuer Stille

7. April 2020

Kapuzinermönch mit Tipps, Ostern trotzdem zu feiern

Interview mit Bruder Ludger Ä. Schulte von domradio.de

 

Es ist eine traurige Premiere: Ostern findet aufgrund von Corona ohne Gottesdienstbesucher statt. Sich aber bloß ins Internet zu klicken, kann es nicht sein, sagt Kapuziner und Psychologe Pater Ludger. Er empfiehlt, sich einen echten Ort draußen zu suchen.

 

DOMRADIO.DE: Das höchste Fest der Christenheit können wir nicht richtig feiern, was macht das mit uns Menschen?

Pater Ludger Ägidius Schulte (Kapuizinermönch, Psychologe): Das kann sehr unterschiedlich sein, es kommt auch ein bisschen darauf an, wie man sonst auch mit Herausforderungen umgeht und was das für Muster bei einem freilegt: Grundsätzlich ist es erst einmal für den, der glaubt, nicht neu, das Osterfest auch mit dieser großen Herausforderung zu verbinden.

Wir feiern an Weihnachten, dass Gott die Welt angenommen hat und an Ostern, dass er sie überwindet, durchbricht, wandelt, in ganz neue Dimensionen führen kann. Wir vergessen auch manchmal, dass die “Ungesichertheit” des Menschen eigentlich zum Menschsein selber gehört. Das kommt jetzt gerade alles massiv auf uns zu und wird in der Karwoche auch ganz bewusst angeschaut; nicht nur als Schuldgeschichte, sondern eben auch als Frage “Wie gehe ich um mit Schmerz, mit Grenzen, mit Einsamkeit, mit Urteilen” und so weiter.

Das sind ja alles große Bilder. Das kann ich jetzt gerade konkret nicht so einfach in der Gemeinschaft feiern. Aber ich kann es durchaus an verschiedenen Stellen nachvollziehen. Und da ist wichtig, einen Ort zu finden.

DOMRADIO.DE: Einen Ort im Herzen? Im Kopf?

Pater Ludger: Ja, auch innerlich, aber nicht nur. Ich stelle mir die Frage: Finde ich trotz allem noch Orte, wo ich den Kreuzweg außerhalb gehen kann? Viel hat mit Ausdruck zu tun, viel hat zu tun mit dem “Wie komme ich mit meinem Gefühl in Ausdruck und in Verbindung” und wie kann ich glauben und mein Gefühl verbinden?

DOMRADIO.DE: Nur egal was wir machen, es ist kein Ersatz für das Osterfest, wie wir es sonst feiern, bei allen tollen digitalen Angeboten von Gottesdienstübertragung bis Seelsorge. Ist es nicht auch wichtig, sich das einzugestehen, also dass man nicht diesen Verlust, diese Trauer überspielt, sondern das irgendwie akzeptiert?

Pater Ludger: Das ist sehr wichtig, im geistlichen Leben sowieso. “Hätte” und “wäre” fällt aus wegen “ist nicht”. Also sich immer einer Realität zu stellen, braucht aber Wege. Ich kann das nicht automatisch auf Knopfdruck. Ich muss das erst einmal zulassen. Dieses Jahr ist es anders, und jetzt ist die Frage, wie möchte ich das Anderssein gestalten? Wie nehme ich mir auch ganz konkrete Punkte vor?

Ich kann sagen, es gibt ein Mordsangebot und manchmal auch ein wuseliges Angebot, das mir gar nicht weiterhilft, mich eher verwirrt, gerade auch im digitalen Bereich. Ich schlage vor, man geht mit einem Angebot kontinuierlich mit, bringt mehr Ruhe hinein, als dass ich ständig rumzappe nach dem Motto “wo ist denn jetzt etwas Interessantes?”

Also ich muss mich entscheiden, diese andere Situation auch in Gestaltung zu übersetzen. Und das heißt, ich muss mir sagen: So, ich nehme mir am Gründonnerstag, am Karfreitag, am Karsamstag oder am Ostertag etwas ganz Spezielles vor, um da eine innere Gestalt wiederzufinden.

Das kann ich unterschiedlich machen. Das kann ich über Internetangebote machen, indem ich diese Seite besuche und da mitgehe, ich kann das aber auch machen, indem ich zum Beispiel auch für mich einen Ort suche und dort meine Kerze anstecke. Das kann ich ja auch in einer Weise tun, sodass ich mich und andere nicht gefährde.

DOMRADIO.DE: Also Ihr Rat ist es, nicht darüber nachzudenken, worauf wir verzichten müssen, sondern im Gegenteil – positiv denken. Wie kann ich das denn gestalten?

Pater Ludger: Ja, genau. Es ist sehr wichtig, sich ein Geländer zu schaffen und bewusst zu machen: Diese Tage sind ja sonst auch durch Riten gestaltet, etwa dass man sich zu den Liturgien am Gründonnerstag oder am Karfreitag trifft und sich jetzt stattdessen ganz bewusst ein Ersatzprogramm strickt und damit anfängt, es auch konkret zu organisieren. Da gibt es eine Menge Angebote, und da suche ich mir ein Angebot aus, was zu mir passt.

DOMRADIO.DE: Das meiner Meinung nach Schwierigste wird bei einigen die Osternacht sein, die ja das Ende der Fastenzeit ist. Wir gehen wir jetzt damit um, dass wir mit Ostern doch nicht von den Entbehrungen erlöst sind?

Pater Ludger: Ich kann es mal an einem Beispiel festmachen, wie wir es gerade im Kloster machen. Wir versuchen gerade etwas zu organisieren. Und zwar können die Blumenhändler momentan ihre Blumen nicht verkaufen. Wir haben mit Blumenhändler gesprochen, sie werden sehr viele Blumen hierhinbringen. Und wir werden dann eine sogenannte Osterblumeninsel auf dem großen Parkplatz vorm Kloster machen. Das wird ein Auferstehungbild sein, und dort werden wir quasi ganz viele Blumen arrangieren.

Da können die Leute mit dem Fahrrad vorbeikommen und eine Blume ablegen und einfach einen Ort finden. Ein bisschen muss ich schauen, wo kann ich für mich ein Ritual schaffen, wenn ich das gerne möchte? Ich kann nur raten – auch den Pfarrern -, dass an Ostern die Kirchen österlich geschmückt sind, dass die den normalen Schmuck tragen, damit die Menschen da reingehen können, dass die Osterkerze klar dasteht, dass die Menschen erst einmal grundsätzlich klar haben, der Raum ist da. Ich kann es jetzt nicht in der großen Gruppe tun. Das geht nicht momentan. Aber ich habe auch haptisch fassbare Orte. Nicht nur internetmäßig.

Vor allem ist es sehr wichtig, wenn man etwas beginnt, dass man es wirklich auch mit lebendigen Zeichen tut. Das heißt, ich kann durchaus einmal eine Blume zu einem Kreuz bringen und mein Ostern dort feiern. Ich kann Dinge tun, die das genau symbolisieren, was sie sonst tun, das nicht im Großen tun können.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

Quelle: domradio.de

Bruder Ludger Ä. Schulte